Schrift

Sind Europäer eher daran gewöhnt, dass Sprachen durch lateinische Buchstaben wiedergegeben werden, oder unter Einbeziehung vieler slawischen Sprachen und dem Griechischen durch Alphabetschriften verschriftlich sind, gilt dies noch lange nicht für andere Sprachen auf der Welt. Sicher ist das lateinische Alphabet das verbreiteste und bei vielen als am prestigereichsten, dennoch sind viele Lerner anderer Sprachen zu Beginn mit einem völlig neuen Alphabet oder einer neuen Schrift konfrontiert und der Sprachlernfluss ist verlangsamt. Umso ähnlicher eine Schrift der eigenen ist, desto schneller wird sie natürlich gelernt. Das bezieht sich nicht nur auf die Form, sondern auch auf das eigentliche System dahinter. Wer mit einer Alphabetschrift (wo ein Zeichen für einen oder mehrere Laute steht) aufgewachsen ist, wird wahrscheinlich mit Silbenschriften oder noch mehr mit Wortschriften Probleme haben.
Der zentralste Lerntipp bei dem Lernen neuer Schriften liegt auf der Hand: Übung macht den Meister. Desto größer der Input und Output, umso schneller wird die Schrift gelernt und verinnerlicht. Das Ziel ist es, dass man die Schrift ohne größere Anstrengungen und bewusstes Zutun von Denken lesen und schreiben kann. Dabei kann kaum eine Merkhilfe helfen, weil dies allein dadurch bestimmt wird, wie sehr die Schrift benutzt wird.

Vor allem beim Beginn des Schriftlernens können Merkhilfen sehr nützlich sein. (Außer vielleicht bei Wortschriften, wo mit jeder neuen Vokabel immer wieder neue Zeichen gelernt werden müssen.)
Es gibt ein paar Methoden, mit denen sich Schriften schneller lernen lassen als durch pures Auswendiglernen und so das Lernen der eigentlichen Sprache schneller vonstattengeht.
Bei den Methoden muss nach Schriftsystem unterscheiden. Alphabetschriften (einige wenige Zeichen, die der Entsprechung Zeichen=Laut nahe kommen; Beispiel: Lateinisches und Kyrillisches Alphabet) und Silbenschriften (einige bis viele Zeichen, wo die in etwa die Entsprechung Zeichen=Silbe gilt) lassen sich in etwa auf ähnliche Weise lernen. Bei Wortschriften (tausende Zeichen, wo ein Zeichen für ein ganzes Wort oder Morphem steht) hingegen bedarf es anderer Methoden.

Methode 1: Verbildlichung
Eine Schrift, die der eigenen ähnlich ist, enthält wohlmöglich bereits Zeichen, die man nicht lernen muss. So werden russisch Атом, кате Емма in etwa wie im Deutschen gelesen (е steht allerdings für /je/). Verwechslungsgefahr besteht bei nahverwandten Alphabet aber auch, denn auch im Russischen gibt es auch einige falsche Schriftfreunde: вён, яину und хёр (diese Wörter bedeuten nichts) enthalten nur Buchstaben, die nicht wie im Deutschen ausgesprochen werden – ihre Entsprechung wäre: wjon, jainü und chjor. Viele Fehler am Anfang lassen sich auf solche falschen Freunde zurückführen. Ein weiteres Beispiel für mögliche Verwechslungen ist die Cherokee-Silbenschrift, das einige Zeichen aus dem lateinischen Alphabet (und anderen Alphabeten und Schriften) aufgenommen hat, aber nicht mit ihrem Lautwert, nur die Form wurde übertragen:
Ꭰ steht für /a/, Ꭱ steht für /e/, Ꭲ steht für /i/, Ꮞ steht für /se/, Ꮓ steht für /no/ und so weiter.
Das rührt daher, dass der Erfinder „Sequoyah“ vorher keine einzige Schrift lesen konnte und sich aus allen möglichen Schriften zufällig Zeichen zusammengeklaubt hat und daraus eine Schrift für die Cherokee-Sprache erfunden hat. (So sieht die Schrift aus: ᎤᎵᎩᏳᏍᎠᏅᏁ)

Am besten lassen sich Alphabet- und Silbenschriften lernen, indem man aus den Zeichen Bilder und Formen ableitet, die dann auf den Laut schließen lassen. Auf der Seite „Materialien“ habe ich noch weitere Merkhilfen für andere Schriften hochgeladen. An dieser Stelle stelle ich nur exemplarisch das hebräische Alphabet mit Verbildlichung vor, um das Prinzip zu verdeutlichen. Es empfiehlt sich sowieso eher, eigene Bilder zu finden, weil sie oft weiter hergeholt sind und die eigenen Gedankengänge hinter einer Verbildlichung einprägsamer sind als fremde Bilder.

ה –> /h/ –> Ich stelle mir Hangman vor. Rechts ist der Galgen und der linke untere Strich ist das Männchen. Hangman beginnt mit einem „h“.
ק –> /k/ –> Ich stelle mir den vorderen Teil eines Schlittens vor, bei dem der rechte geschwungene Strich die Kufe darstellt. Kufe beginnt mit „k“.
ר –> /r/ –> Das Zeichen sieht einem spiegelverkehrten kleinen „r“ ähnlich. Ansonsten könnte man sich auch einen (zwar eckigen) Regenbogen vorstellen, von dem nur die eine Seite zu sehen ist. Regenbogen beginnt mit „r“.
ג –> /g/ –> Ich stelle mir eine Giraffe vor, der hohe Strich ist der Hals mit Kopf, die beiden unteren Striche sind die Vorderbeine. Giraffe beginnt mit „g“.
ד –> /d/ –> Ich stelle mir ein Dach von der Seite vor, der obere Strich ist das Dach, der senkrechte Strich die Mauer. Dach beginnt mit „d“.

Es empfiehlt sich übrigens nicht in jedem Fall, die Verbildlichung wirklich aufzuschreiben. Die Fantasie wird dadurch durch die eigenen Malfähigkeiten und dem Papier beschränkt. Das Bild aber geistig vor dem inneren Auge entstehen zu lassen, beschränkt es nicht. Solange man bei Wiederholungen und dem Gebrauch der Schrift diese Versinnbildlichung stets im Hinterkopf behält. Für manche ist aber trotzdem das Malen der Buchstaben doch hilfreich, weil der visuelle Stimulus mehr hilft. Das muss jeder selbst sehen.
Diese Methode hapert vor allem dann, wenn einem kein passendes Bild einfällt. Die Bilder können auch ganz abstrakt sein oder auf andere Dinge Bezug nehmen.

Arabisch: ﺱ –> /s/ –> Ich stelle mir einen See vor, der rechte Teil sind Schilfrohre und der untere Bogen der seitliche Querschnitt eines Sees. See beginnt mit einem „s“.
Arabisch: ‏ﺹ‎ –> /ṣ/ –> (emphatisches s) Da emphatische Konsonanten weiter hinten gesprochen werden als ihre Pendants, stelle ich mir hier vor, dass der hintere Bogen, der nun die Schilfrohre vom /s/ ersetzt hat, das Weiter-hinten-Sprechen versinnbildlicht, weil er so weit nach hinten/rechts reicht.

Das /s/ ﺱ ist demnach leicht durch ein Bild zu lernen, das /ṣ/ ‏ﺹ‎ eher durch eine semi-bildliche und abstrakte Ableitung.

Methode 2: Evolution der Schrift
Oftmals hilft ein Blick auf die Evolution und Entwicklung von Schriften, da viele miteinander verwandt sind und gemeinsame Ursprünge haben. Denn Schriften können genauso wie Sprachen Wandlungsprozesse durchmachen, miteinander verwandt sein und auf eine gemeinsame Grundform zurückgehen. Das lateinische, kyrillische, griechische, koptische, hebräische, arabische etc. stammen alle vom phönizischen Alphabet ab. Wenn man sich diese Verbindungen und Relation anschaut, kann man viele Gemeinsamkeiten erkennen, die zuerst gar nicht aufgefallen wären. Das dient auch als gute Merkstütze, weil man Brücken zwischen der eigenen, bereits gelernten oder anderen Schriften ziehen kann.
Hier ist eine Übersicht über die verschiedenen Alphabete, mit dem phönizischen Ursprungsalphabet in der Mitte und seinen Entsprechungen in den modernen Sprachen: Phönizisches Alphabet.

Methode 3: Schreibe (Non-)Sense
Für Alphabetschriften, die in etwa die gleichen Laute wiedergeben, die deine Muttersprache hat, kann es vor allem für den Anfang, wo man kaum Wörter in der jeweiligen Sprache kann, hilfreich sein, einfach Texte in der Muttersprache in der Schrift zu schreiben. So wird man relativ schnell flüssig in der Schrift, ohne es vom Fortschritt in der Zielsprache abhängig zu machen.
Wenn die Schrift zu wenig der eigenen gleicht, kann man sich vorher in lateinischer Umschrift einen Non-Sense-Text selbst schreiben, der mit den Eigenarten der Schrift arbeitet. Man kann auch Texte online suchen, die bereits in der Lateinumschrift geschrieben sind und in der Zielsprache Sinn ergeben. Vielleicht findet sich sogar zusätzlich dazu die Originalschreibung und man kann danach seinen Text mit dem Original vergleichen. Das Wichtige hieran ist einfach, dass man schnell und intensiv in einen regelmäßigen Schreibfluss kommt, damit die Schrift verinnerlicht wird. Der Inhalt ist dabei Nebensache. Der Fortschritt in der Sprache selbst wird am Anfang meist durch die unterschiedliche Schrift gebremst und man sieht wenig Erfolge, was schnell zu Frust führen kann. Deswegen ist der Schrifterwerb besonders wichtig am Anfang.

Methode 4: Lies alles
Wenn du eine Schrift lernst, die es erlaubt, einen Text zu lesen, ohne die Wörter zu kennen, dann lies alle möglichen Texte. Für Konsonantenschriften wie dem Hebräischen und Arabischen ist dies nicht möglich, weil man die Wörter jeweils kennen muss. Noch schwieriger ist dies logischerweise für Wortschriften wie dem Chinesischen. Du kannst einfach online bei den jeweiligen Wikipedias irgendwelche Texte laut vorlesen. Auch hier ist der Inhalt nicht von Belang. Wichtig ist auch, dass man es laut vorliest, das verbindet die Laut=Zeichen-Entsprechung noch mehr. Wenn man leise im Kopf liest, fällt einem manchmal gar nicht auf, dass man Zeichen überspringt, die man nicht erkennt hat, oder spricht sie unbemerkt falsch aus. Zudem bekommt man ein besseres Gefühl für den Klang der Sprache und hat sie im Munde, was den Lernfortschritt ebenfalls beschleunigt. Man hat zwar wenig Feedback über die Richtigkeit der Aussprache oder der Lesung, aber es geht erstmal um die schnelle Erkennung von Zeichen und deren Entsprechung als Laut. Wenn du jemanden mit der Zielsprache als Muttersprache kennst, kannst du ihn/sie bitten, es sich anzuhören und gegebenenfalls zu verbessern.

Methode 5: Aufdröseln
In Schriften gibt es meistens eine gewisse Systematik der Zeichen. Es hilft, diese 1. selbst herauszufinden und 2. auf möglichst viele verschiedene Wege darzustellen. Manchmal gibt es gewisse Muster, zum Beispiel dass stimmlose und stimmhafte nach einer gewissen Systematik jeweils Kennzeichen für diese Eigenschaft haben oder einige Zeichen ungeachtet der Lautentsprechung gleiche Strichfolgen oder Elemente haben.
Das selbst herauszufinden unterstützt vor allem das AHA-Erlebnis. Hier trotzdem nur ein kleines Beispiel:
Im Arabischen kann man zum Beispiel die Zeichen zusammenschreiben, die sich nur nicht in der Form aber in der Punktzahl darüber oder darunter unterscheiden:

mehrere sets von schriften pro sprache (schreib, hirgana etc.)

Chinesische Zeichen

Methode 6: Chinesische Zeichen